Mit Rumba Verkehr, Schadstoffe und Umweltfolgen vermeiden

Nachhaltiges Bauen wird mit Taxonomie und Umweltschutzvorgaben von der Kür zur Pflicht. Demnächst startet der Lehrgang „Greenskills: Nachhaltiges Bauen“. Die Leiterin, die spezialisierte Architektin Constance Weiser (Foto), im Gespräch.

Umwelt-Journal: Sie setzen sich als Architektin mit Ihrem Lehrgang „Greenskills: Nachhaltiges Bauen“, der demnächst beginnt, für nachhaltige Architektur ein. Was ist die Motivation dahinter?

Constance Weiser: Dass wir etwas tun müssen, um nicht vollends in die Klimakrise zu schlittern, ist mittlerweile den meisten klar. Und gerade angesichts der aktuellen Gaskrise schauen alle, wie sie ihre Energieversorgung auf Erneuerbare oder andere Systeme umstellen können. Doch es braucht nicht nur neue Lösungen bei der Haustechnik, sondern auch die Gebäude an sich müssen nachhaltiger werden. Der Bestand bräuchte ganzheitliche Sanierungskonzepte und entsprechende Dämmung, damit wir die Energie nicht einfach über die ungedämmten Bauteile wieder „beim Fenster rausschmeißen“. Denn Niedertemperatur-Heizungen funktionieren nur in gut isolierten Gebäuden. Die aber am besten auch mit nachhaltigen Materialien erfolgen sollte, um die Wände atmungsaktiv zu erhalten. Das gelingt am besten mit wirklich ökologischen m.o.w. nachwachsenden bzw. lokal verfügbaren Materialien.

Umwelt-Journal: Gibt es dazu herzeigbare Erfolgsbeispiele?

Weiser: Ja, ein gutes Beispiel dafür ist das Objekt „Smart Block Geblergasse” in Wien Hernals: eine mehrfach prämierte zukunftsweisende Sanierung eines Zinshauses aus der Jahrhundertwende von Zeininger Architekten. Bei diesem Pilotprojekt wurde im Zuge der Sockelsanierung durch die Kombination von solarer und geothermischer Wärmeversorgung ein Energie-Netzwerk mit dem Nachbarhaus geschaffen, an das gegebenfalls noch weitere Häuser der Umgebung angeschlossen werden können. Dabei wird direkt über die Hybridkollektoren (also eine Kombination von Solarthermieanlage und Photovoltaik-Anlage) das Warmwasser zum Duschen sowie für die Fußbodenheizung bzw. Bauteilaktivierung produziert und die überschüssige Sonnenenergie bis in die kalte Jahreszeit im Boden gespeichert (und so auch die im Winter entnommene Wärme im Sommer wieder zurückgegeben). Umgekehrt kann diese Bauteilaktivierung im Sommer auch zum Kühlen der Räume genutzt werden.

Umwelt-Journal: Doch was macht man, wenn die Betriebskosten steigen und man nicht das ganze Heizsystem tauschen kann?

Weiser: Selbst wenn man ein Gebäude nur thermisch saniert, kann über die Dämmung von Dach, Fassade und Fenstern schon einiges an Heizkosten eingespart werden. Und selbst bei einer denkmalgeschützten Fassade kann diese Optimierung dann eben im Inneren gemacht werden, bzw. bringt auch die Dämmung der obersten Geschossdecke oder des (ausgebauten) Daches schon viel, da die Wärme ja bekanntlich nach oben steigt und sonst genau da verloren geht. Wobei das im besten Fall mit nachwachsenden ökologischen Materialien und ggf. sogar Lehmbauplatten erfolgen sollte, um die Wände atmungsaktiv zu erhalten und das Haus nicht mit den üblichen erdölbasierten Dämmstoffen einzupacken, mit denen man sich sonst womöglich sogar Schäden und Schimmel einhandelt.

Wenn man (wie beim oben erwähnten Objekt Geblergasse) auch eine PV-Anlage installieren kann, verringert man sogar die Stromkosten und kann sich ggf. auch mit anderen Gebäuden in der Umgebung zu einer Energiegemeinschaft zusammenschließen oder die Überschüsse ins Netz einspeisen. So wird das Haus auf lange Sicht zukunftsfit und krisensicher.

Besser reaktivieren

Umwelt-Journal: Viel unterschätzte Umweltbelastung am Bau entsteht durch Hin- und Wegtransportieren.

Weiser: Wenn wir uns überlegen, wie man Nachhaltigkeit und das Konzept der kurzen Wege am ehesten umsetzen kann, dann liegt es nahe, mit lokal verfügbaren Baustoffen zu arbeiten – so wie in Aspern bei der Verwendung des Aushubs (der vorhandene Donauschotter) für den Beton. Mit dem Konzept „RUMBA ( https://ecology.at/rumba.htm ) als Kurzform für „Richtlinien für eine umweltfreundliche Baustellenabwicklung“ zur Minderung von Umweltbelastungen durch den Baustellenbetrieb – konnten enorm viele Fahrten eingespart werden, da man das Material nicht erst irgendwo deponieren musste, um dann ähnliches Material von anderswo her zu liefern. Wenn man weiß, dass in der Region Wien zwei Drittel der Gesamtmenge des Straßengüterverkehrs durch die Ver- und Entsorgung von Baustellen verursacht wird und das die Ursache für nahezu zehn Prozent der Schadstoffemission ist, kann man diese Bedeutung annähernd einschätzen. Ganz zu schweigen von den andere Umweltfolgen wie Lärm, Staubbelastung und nicht zuletzt der Entsorgungsproblematik von Baustellenabfällen.

Da wird dann klarer, wie wichtig es ist, dass zuerst einmal der Bestand saniert, oder besser: reaktiviert werden muss. Denn jedes Gebäude, das ich nicht bauen muss, weil ich ein bestehendes besser oder überhaupt wieder nutzen kann, spart am meisten Ressourcen. 99% der Bausubstanz ist Bestand und vieles davon leider wenig genutzt oder sogar Leerstand. Doch es gibt jede Menge Ideen und teilweise geniale Umnutzungs-Beispiele. Beispielsweise die „Panzerhalle“ in Salzburg oder eine Umnutzung eines ehemaligen Handelszentrums von smartvoll Architekten, die zeigen, wie man mit bestehendem Raum umgehen kann und was für Qualitäten dabei entstehen können, während gleichzeitig Ressourcen gespart wurden.

Und auch für Einfamilienhäuser gibt es das, sowie mit ReHABITAT und ReHABITAT-ImmoCHECK+ zwei eigene Forschungsprojekte in Kooperation mit dem österreichischen Ökologie-Institut dazu. Die zeigen auf, wie viel Potenzial und verschiedene Möglichkeiten auch in diesen doch eher kleinen Projekten stecken.

Interview: Manfred Kainz

Foto: greenskills

Zum Lehrgang “Greenskills – Nachhaltiges Bauen” & Anmeldung: https://www.greenskills.at/allgemeines_ueber_den_lehrgang/nachhaltiges-bauen/

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